Schweiz Grenzüberschreitendes Wasser
Wer über das geteilte Wasser zwischen der Schweiz und den Nachbarländern entscheidet
Die Schweiz hütet sechs Prozent der europäischen Süsswasserreserven und bewirtschaftet sie über bilaterale Abkommen. Der Langensee bleibt der Fall ohne Vertrag, und Bern will dem Tessin nichts aufzwingen.
Die Schweiz nimmt nur einen kleinen Teil des europäischen Territoriums ein und hütet sechs Prozent der Süsswasserreserven des Kontinents. Gletscher, Seen und Flüsse enden nicht an der Grenze: Der Ticino speist den Po, der Rhein fliesst Richtung Deutschland und Niederlande, die Rhone durchquert Frankreich bis zum Mittelmeer. Entscheide in Bern haben Folgen in Hunderten von Kilometern Entfernung.
Christian Bréthaut, Professor und Co-Direktor des Unesco-Lehrstuhls für Hydropolitik, erklärt gegenüber RSI, wie diese gemeinsame Bewirtschaftung funktioniert. Bei einer Knappheit wie in diesem Sommer stellt sich die schwierigste Frage bei den Prioritäten: Trinkwasser für die Haushalte, Bewässerung für die Landwirtschaft, Stromproduktion aus Wasserkraft oder Kühlung in der Industrie.
«Die Prioritäten richten sich nach zentralen Sicherheitsbedürfnissen. Die Trinkwasserversorgung ist grundlegend, Wasser ist ein Menschenrecht. Danach kommen die Ernährungs- und die Energiesicherheit», sagt Bréthaut. Das Problem sei, dass genaue Daten zum tatsächlichen Verbrauch der einzelnen Nutzungen fehlten. Ohne diese Daten bleibe die Festlegung von Prioritäten schwierig.
Wo Abkommen funktionieren und wo sie fehlen
Nicht alle Wassergrenzen der Schweiz sind gleich geregelt. Rhein, Donau und Bodensee nennt der Professor als Beispiele guter grenzüberschreitender Bewirtschaftung, mit operativen Kommissionen und klaren Zuständigkeiten, die Krisen bewältigen können.
Mit Frankreich kam der entscheidende Schritt 2025 mit den Abkommen zum Genfersee und zur Rhone. Die Verhandlungen hatten 2011 nach einer schweren Trockenheit in Frankreich begonnen. Laut Bréthaut nehmen diese Abkommen Spannungen vorweg, die der Klimawandel verschärfen wird. Sie schliessen zudem eine Lücke: Die meisten europäischen Flüsse verfügen bereits über eine Konvention, die Rhone war lange eine Ausnahme.
Ungelöst bleibt der Langensee. Italien verlangt höhere Pegelstände, um die Landwirtschaft der Po-Ebene zu sichern, das Tessin fürchtet Überschwemmungen im Locarnese. Dieses Jahr bat das Piemont den Kanton, die Abflüsse aus dem Lago Maggiore zu erhöhen, der weiterhin auf historischen Tiefstständen liegt. Die Kantonsregierung lehnte ab, weil das Wasser nicht einmal für den eigenen Bedarf reiche.
Anders als der Luganersee, der durch eine Konvention von 1955 geregelt ist, und der Genfersee, für den mengenmässige Bestimmungen zwischen der Schweiz und Frankreich bestehen, hat der Langensee keinen verbindlichen Rahmen. Eine Motion des sozialdemokratischen Nationalrats Bruno Storni, mitunterzeichnet von 28 weiteren Parlamentsmitgliedern, verlangt vom Bundesrat, eine internationale Konvention mit Italien auszuhandeln.
Die Antwort aus Bern, über das Departement von Bundesrat Albert Rösti, bleibt zurückhaltend: Eine dauerhafte Regulierung setze ein Abkommen mit Italien voraus, und der Bundesrat würde ein solches nicht gegen den Willen des Tessins abschliessen. Unterdessen prüft das Bundesamt für Umwelt, ob die Versuchsphase 2026 mit der Anhebung um 1,35 Meter die Sicherheitsgrenzen auf Schweizer Gebiet einhält.
Bréthaut zeigt sich skeptisch gegenüber der Idee einer internationalen Wasserbehörde, weil Trockenheitslagen stark vom örtlichen Kontext abhängen. Er zieht flexible bilaterale Abkommen vor, wobei das Völkerrecht die Grundsätze liefert. Er hält zudem fest, dass regionale und interkantonale Spannungen zunehmen werden und die Rolle des Bundes im Krisenmanagement wichtiger wird. Rösti hat eine Überprüfung der nationalen Wasserstrategie angekündigt.
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