Kultur Kino und Festival
Nazzaro: In Locarno ist das Kino nicht wenigen vorbehalten
Der künstlerische Leiter des Locarno Film Festivals weist die Vorstellung eines Festivals nur für Eingeweihte zurück. Er verteidigt ein offenes Programm, das auch die Veränderungen durch künstliche Intelligenz berücksichtigt.
Weniger als drei Wochen vor der Eröffnung der 79. Ausgabe äussert sich Giona Nazzaro erneut zur Rolle des Locarno Film Festivals. Er weist das Bild eines Festivals zurück, das sich an wenige Fachleute richtet. «Il luogo comune che mi fa alzare gli occhi al cielo è il pregiudizio secondo cui i film di Locarno non vanno oltre Chiasso. Era falso, è sempre stato falso», erklärte der künstlerische Leiter gegenüber Keystone-ATS.
Nazzaro sprach darüber in Lausanne. Dort fand bis zum Tag nach dem Interview das fünfte Open Air Locarno Film Festival statt. Die Veranstaltung zeigt auf einer im Quartier Plateforme 10 aufgestellten Leinwand einige der Filme, die am Tessiner Festival präsentiert wurden.
Nach Ansicht des künstlerischen Leiters setzen viele in Locarno entdeckte Werke ihren Weg auch nach dem Festival fort. Als Beispiel nennt er Blue Heron, den ersten Langfilm der Kanadierin Sophy Romvary. Der Film wurde vom US-Verleiher Janus Films gekauft. Er erinnert auch an Gioia mia von Margherita Spampinato. Der sizilianische Film wurde mit einem kleinen Budget realisiert und wurde in dieser Saison von der Kritik besonders geschätzt.
Für Nazzaro liegt die Schwierigkeit nicht in der Stärke des Festivals bei den Cinephilen. Die Grenze liege vielmehr in der Bereitschaft des Verleihs, sich für bestimmte Werke zu interessieren. Das Programm, fügt er hinzu, entstehe nicht aus der Suche nach Filmen, die für Aufsehen sorgen könnten. Es sei das Ergebnis der Auseinandersetzung mit den Eigenschaften der ausgewählten Werke.
Eine umfassende Vorstellung vom Kino
Der künstlerische Leiter lehnt auch die Trennung zwischen populärem Kino und Autorenkino ab. Er greift einen Satz von Jean-Marie Straub auf und erklärt: «il cinema, per sua natura, è sempre popolare». Der Ausdruck «Film der Elite» sei dagegen vor allem mit dem Markt und den finanziellen Mitteln verbunden.
Seine Vorstellung vom Publikum umfasst Zuschauerinnen und Zuschauer, die bereit sind, sich zwischen sehr unterschiedlichen Werken zu bewegen. Nazzaro ruft zudem dazu auf, junge Menschen nicht als blosse Fortsetzung früherer Generationen zu betrachten. Ausgangspunkt sollte die Entdeckung der Filme sein, die sie interessieren.
Die gleiche Haltung gilt für die künstliche Intelligenz. Locarno hat bereits Werke gezeigt, die deren Möglichkeiten nutzen. Dazu gehören Dracula von Radu Jude und Cartas Telepáticas von Edgar Pêra. Nazzaro betrachtet sie nicht grundsätzlich als positiv oder negativ. «La vera questione è politica», sagt er. Als zentrales Thema nennt er die Wirkung der Technologie auf das Verhältnis zum Wissen.
Im Gespräch über die Geschichte des Kinos bezeichnet Nazzaro Roberto Rossellini und Ingrid Bergman als ideale Begleiter für eine Vorführung auf der Piazza Grande. Er würde Viaggio in Italia zeigen, den das Paar 1954 realisierte. Danach würde er Isabella Rossellini eine Auszeichnung überreichen. Sie wird dieses Jahr in Locarno geehrt. «Rossellini è sempre il regista che mi viene in mente. Per me è l’alfa e l’omega del cinema», sagt er.
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Luca
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