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Studierendenzahl in vierzig Jahren verdreifacht, doch die Geisteswissenschaften verlieren an Boden

Eine von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften in Auftrag gegebene Studie misst das Phänomen erstmals. An den zwölf Universitäten sank ihr Anteil von 40% auf knapp unter 30%.

von Brenno 9. August 2026 3 Min. Lesezeit

Seit Jahren kursieren zu den Geisteswissenschaften alarmierende Zahlen und Schlagzeilen: Sie gelten als überholt, elitär und untauglich für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Zum ersten Mal wollte die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften prüfen, was daran stimmt, und beauftragte das Zürcher Forschungsbüro Econcept mit einer Studie zur statistischen Entwicklung von 1980 bis heute. Die Ergebnisse hat die Neue Zürcher Zeitung aufgegriffen.

Der erste Befund ist ein deutliches Wachstum. In vierzig Jahren hat sich die Zahl der Eingeschriebenen in diesen Fakultäten mehr als verdreifacht, von 18'000 auf knapp 60'000. Dazu beigetragen hat auch die Gründung der Fachhochschulen im Jahr 1997. Heute bilden die Studierenden der Geistes- und Sozialwissenschaften sowohl an den Universitäten als auch an den Fachhochschulen die Mehrheit.

Die Kehrseite betrifft die Anteile. In den letzten zwanzig Jahren sank das Gewicht dieser Fächer an der gesamten Studierendenschaft der zwölf Universitäten von 40% auf knapp unter 30%. Das Bild verschlechtert sich, wenn man die Geisteswissenschaften im engeren Sinn isoliert, also Geschichte, Philosophie, Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften, und Wirtschaft, Recht und Psychologie ausklammert. Letztere trägt mit ihren Zahlen dazu bei, den Rückgang zu verdecken, hat mit den klassischen Disziplinen aber wenig gemein: Sie ist zu einer Laborwissenschaft geworden.

In einzelnen Bereichen ist die Aufnahme scharf. Die Theologie hält sich mit konstant rund 1200 Studierenden seit 1980. Die Geschichts- und Kulturwissenschaften verloren dagegen fast ein Drittel der Eingeschriebenen: von knapp 8000 im Jahr 2005 auf heute 5300. Der Rückgang betrifft vor allem Geschichte, Sprachen und Literatur.

Die Ursachen und eine Wette

Als eine Erklärung nennt Lea Haller, Generalsekretärin der Akademie, gegenüber der NZZ die wachsende Zahl von Studierenden mit Migrationshintergrund, die international renommierte Institutionen wie die ETH Zürich bevorzugen und sich für die MINT-Fächer entscheiden, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Diese Bereiche profitieren von jahrelangen Förderprogrammen, die nun Wirkung zeigen.

Haller blickt dennoch optimistisch in die Zukunft und sieht in der künstlichen Intelligenz eine Chance für geisteswissenschaftliche Kompetenzen. «Le competenze delle scienze umane sono indispensabili in un mondo che si sta orientando in modo dirompente verso l’IA. Il pensiero critico e la capacità di formulare buone domande diventeranno più importanti» (die Kompetenzen der Geisteswissenschaften sind unverzichtbar in einer Welt, die sich umwälzend auf die KI ausrichtet; kritisches Denken und die Fähigkeit, gute Fragen zu stellen, werden wichtiger), sagt sie.

Die Voraussetzung liegt allerdings früher. Um die geisteswissenschaftlichen Fächer attraktiv zu machen, warnt Haller, müsse in die obligatorische Schule und in die Rückgewinnung der Lese- und Schreibkompetenzen investiert werden, die bei den Schülerinnen und Schülern abnehmen. Das ist eine öffentliche Investition, die kurzfristig keine messbaren Ergebnisse bringt, und sie betrifft jene, die ohne die Mittel für eine echte Wahl an die Universität kommen.

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