Schweiz Raiffeisen-Prozess
Ex-Raiffeisen-Chef Vincenz verteidigt sich vor Berufungsgericht in Zürich
Das Zürcher Obergericht hat den Antrag der Verteidigung auf Einstellung des Verfahrens abgelehnt. Der frühere Bankchef beteuerte, dass die beanstandeten Ausgaben, auch jene in Stripclubs, stets einen beruflichen Zweck gehabt hätten.
Der Berufungsprozess gegen Pierin Vincenz, den ehemaligen Generaldirektor von Raiffeisen, wurde am Dienstag vor dem Zürcher Obergericht mit der Befragung des Angeklagten fortgesetzt. Am Morgen hatte das Gericht die am Vortag von der Verteidigung gestellten Anträge abgelehnt, die auf eine Einstellung des Verfahrens wegen Verjährung einzelner Vorwürfe zielten.
Während der Einvernahme wirkte der 70-jährige Bündner zunehmend verschlossen. Er beharrte darauf, dass alle beanstandeten Ausgaben stets auch einen beruflichen Charakter gehabt hätten. Als Beispiel nannte er die Reise nach New York mit seinen Töchtern, bei der er nach eigenen Angaben Bankfilialen besucht habe, sowie ein über die App Tinder vereinbartes Treffen für ein Fünfsternehotel in Zürich, das laut Vincenz dazu gedient habe, sich mit sozialen Medien vertraut zu machen. Auch die zahlreichen Besuche in Stripclubs, für die laut Anklage Rechnungen in Höhe von rund 200'000 Franken vorliegen, seien beruflich begründet gewesen.
Vincenz wird zusammen mit seinem früheren Geschäftspartner Beat Stocker vorgeworfen, sich unrechtmässig bereichert zu haben, indem er verdeckte Beteiligungen an Unternehmen hielt, bevor diese von Raiffeisen oder Aduno übernommen wurden. Das erstinstanzliche Urteil betraf auch missbräuchliche Spesenabrechnungen. Im April 2022 war Vincenz zu drei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt worden; Stocker, der frühere Chef des Kreditkartenunternehmens Aduno, zu vier Jahren. Beide waren des Betrugs, der qualifizierten ungetreuen Geschäftsbesorgung und der passiven privaten Bestechung für schuldig befunden worden.
Die Vorwürfe zu den Reisen
Zu den privaten Reisen, die über die Kreditkarte der Bank abgerechnet wurden und sich auf über 100'000 Franken belaufen, hielt Vincenz an seiner Version fest. Er habe während dieser Reisen berufliche Termine wahrgenommen. Mehrfach verwies er auf seine bereits vor dem Bezirksgericht gemachten Aussagen und erklärte, sich nicht mehr an alles erinnern zu können.
Für den 70-Jährigen steht fest, dass „Raiffeisen einen Prozess führt, um mich zu zerstören“, während ihm die Bank „noch sehr viel Geld“ schulde. Über seine persönliche Situation wollte er dagegen kaum sprechen, was er mit der grossen medialen Aufmerksamkeit für seinen Fall begründete. Er gab lediglich an, nach dem Verkauf seiner Villa in Niederteufen im Kanton Appenzell Ausserrhoden ins Tessin gezogen zu sein, nach Figino bei Lugano. Eine weitere seiner Liegenschaften, die Villa in Morcote, war im April 2024 versteigert worden.
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