Wirtschaft Hypothese
Auf jemanden setzen, der noch nichts gemacht hat: zwei Methoden
Eine Denkübung der Redaktion. Locarno wählt 233 Filme aus 7759 Anmeldungen und vergibt einen Preis für Erstlingswerke. Ein Risikokapitalfonds löst dasselbe Problem mit einer anderen Rechnung.
Peter Thiel ist nicht in Locarno. Dieser Beitrag vergleicht zwei Institutionen, die vor demselben Problem stehen: zu entscheiden, wem zu trauen ist, wenn noch kein Ergebnis vorliegt, das sich beurteilen liesse.
Das Festival begegnet dem im grossen Massstab. Zur 79. Ausgabe gingen 7759 Anmeldungen ein, angenommen wurden 233, etwas mehr als drei Prozent. Die Sektion Cineasti del presente ist Erst- und Zweitwerken vorbehalten und zeigt sechzehn davon. Ein eigener Preis gilt dem besten Erstling und liegt bei einer Jury aus dem Franzosen Matthieu Darras, der Südkoreanerin Sung Moon und der schweizerisch-peruanischen Regisseurin Klaudia Reynicke.
Im Hauptwettbewerb läuft zudem «A Margem do Rio» der Brasilianer Matheus Farias und Enock Carvalho, aufgenommen, obwohl es sich um ein Regiedebüt handelt.
Thiel begegnet demselben Problem mit Founders Fund, gestartet 2005. 2004 hatte er 500'000 Dollar in ein Unternehmen investiert, das von einem Zwanzigjährigen geführt wurde, und diese Wette wurde zum meistzitierten Fall seiner Laufbahn.
Wo die Rechnung auseinandergeht
Das Risikokapital beruht auf einer stark asymmetrischen Verteilung. Der Fonds rechnet damit, dass die meisten Wetten nichts zurückbringen, weil die Rendite aus einer sehr kleinen Zahl von Fällen stammt. Der Verlust bei zwanzig Investitionen fällt nicht ins Gewicht, wenn die einundzwanzigste alles ausgleicht.
Ein Festival kann so nicht funktionieren. Hielte von den siebzehn Wettbewerbsfilmen nur einer der Betrachtung stand, verlöre die Auswahl ihre Glaubwürdigkeit, und im Jahr darauf blieben Publikum und Käufer aus. Das Festival muss in vielen Fällen richtig liegen, nicht in einem einzigen.
Daraus folgt eine unterschiedliche Fehlertoleranz. Der Fonds sucht den Extremfall und nimmt in Kauf, fast immer danebenzuliegen. Die Veranstaltung sucht einen hohen Durchschnitt und kann sich eine vergleichbare Ausfallquote nicht leisten.
Ein Punkt bleibt, an dem sich die beiden Methoden ähneln. Beide wählen anhand indirekter Zeichen aus, weil das Produkt in seiner endgültigen Form noch nicht besteht. Ein Investor beurteilt Personen, ein Programmgestalter beurteilt einen Film, den noch kein Publikum gesehen hat.
Der Vorteil des Festivals liegt in den geringen Kosten des Irrtums. Ein misslungener Film im Programm belegt zwei Stunden einen Saal, und die Auswahl des folgenden Jahres beginnt bei null. Im Risikokapital bleibt der Irrtum jahrelang im Portefeuille.
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