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Schweiz Naturgefahren

Murgänge in den Alpen werden intensiver und unberechenbarer

Heftigere Regenfälle, tauender Permafrost und schrumpfende Gletscher verändern Häufigkeit und Saisonalität der Murgänge. Ein neues Projekt der Universität Genf untersucht die Trends im gesamten Alpenbogen.

von Redazione 9. August 2026 3 Min. Lesezeit

Am 5. August löste sich auf 3’900 Metern Höhe ein grosser Felssturz von der Südwand des Matterhorns, auf der italienischen Seite des Berges, der Zermatt überragt. Das Ereignis fügt sich in einen Trend ein, den die Forschenden seit Längerem beobachten: Mit der Erwärmung des Klimas werden die alpinen Murgänge intensiver und schwieriger vorherzusagen.

Die italienische Schweiz kennt die Folgen. Im Juni 2024 verursachten heftige Gewitter verheerende Murgänge und grosse Schäden im Maggiatal, darunter im Bavonatal. In jenem Sommer trafen ähnliche Ereignisse auch das Aostatal, das Piemont, Österreich und Deutschland.

Mehrere Mechanismen wirken zusammen. Nach den Daten von MeteoSchweiz könnten Regengüsse bis zu 30 Prozent intensiver werden, mit Niederschlägen, die sich in immer kürzeren und heftigeren Episoden konzentrieren. «Quell'acqua ha il potenziale di erodere più materiale» (dieses Wasser hat das Potenzial, mehr Material zu erodieren), erklärt Markus Stoffel, Inhaber des neuen Lehrstuhls für die Erforschung von Naturgefahren im Gebirge an der Universität Genf: Die Energie der Murgänge könnte also zunehmen. Im Lauf des Jahrhunderts könnte zudem die Untergrenze des Permafrosts um 200 bis 750 Meter ansteigen, je nach Exposition der Hänge, Zusammensetzung des Bodens und Dicke des Eises. Die Schweizer Gletscher wiederum haben seit 2000 fast 40 Prozent ihres Volumens verloren, ein Rückzug, der die Sedimente der Hänge destabilisiert.

Auch der Kalender verändert sich. Früher waren Murgänge vor allem ein sommerliches Phänomen; heute werden sie im Mai und sogar im April beobachtet und dauern manchmal bis in den Oktober. Im Januar 2018 führten starke Schneefälle, gefolgt von milden Temperaturen und heftigem Regen, zu einem beispiellosen Szenario: «Ci sono state enormi valanghe in diverse aree delle Alpi e poi improvvisamente colate detritiche nel pieno dell'inverno. Qualcosa che non avevamo mai visto prima» (es gab riesige Lawinen in verschiedenen Gebieten der Alpen und dann plötzlich Murgänge mitten im Winter, etwas, das wir noch nie gesehen hatten), erinnert sich Stoffel. Ihm zufolge könnten murganggefährdete Einzugsgebiete völlig neuartige Ereignisse hervorbringen.

Das Klima erklärt jedoch nicht alles. «Stimiamo che l'influenza del cambiamento climatico sia tra un terzo e il 50% di quanto osserviamo» (wir schätzen den Einfluss des Klimawandels auf einen Drittel bis 50 Prozent dessen, was wir beobachten), präzisiert der Forscher: Der Rest des Risikos ergibt sich aus dem Ausbau der Infrastruktur. Zwischen 1950 und 1970 wuchs die Alpenbevölkerung um über 30 Prozent, und zuvor weitgehend abgeschiedene Täler füllten sich mit Strassen, öffentlichem Verkehr und Bergbahnen.

Nicht überall verschlechtert sich die Lage. Die Sedimente sind nicht unbegrenzt: Ein sehr grosser Murgang kann ein Einzugsgebiet bis zum Muttergestein leeren, und das System braucht Zeit, um sich durch neue Felsstürze wieder aufzuladen. In der Zwischenzeit können einige Gebiete vorübergehend sicherer sein.

Ein Blick auf den gesamten Alpenbogen

Um diese Dynamiken besser zu verstehen, leitet Stoffel seit dem 1. Mai ein fünfjähriges Projekt mit sechs Fachleuten, finanziert mit einer Million Euro (920’000 Franken) durch den AXA Fund for Human Progress. Während Institutionen wie die ETH Zürich und die WSL vertiefte Studien an spezifischen Standorten durchführen, etwa im Wildbach-Einzugsgebiet des Illgrabens im Wallis, wird die Genfer Gruppe umfangreiche historische Datenbanken aufbauen, um regionale Trends, kritische Punkte und gemeinsame Dynamiken im gesamten Alpenraum zu erkennen. Durch die Kombination von Feldbeobachtungen, Fernerkundung und Modellierung wollen die Forschenden verstehen, wann und wo Hänge nachgeben und wie weit sich die zerstörerischen Ströme ausbreiten können, um Strategien zur Begrenzung künftiger Verluste und Schäden zu entwickeln.

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