Zum Inhalt
il Cantonale

Unabhängige digitale Zeitung der italienischen Schweiz

Schweiz Arbeitsrecht

Securitas unter Druck wegen Tausender Verstösse bei den Arbeitszeiten

Eine Recherche des Schweizer Fernsehens SRF wirft Securitas in der Zentralschweiz mehr als 20'000 Verstösse gegen das Arbeitsgesetz in den letzten zwei Jahren vor, mit Nachtschichten von bis zu 14,5 Stunden. Das Unternehmen räumt Fehler ein, weist aber den Vorwurf systematischer Verstösse zurück.

von Brenno 20. Oktober 2026 3 Min. Lesezeit

Ein Sicherheitsmitarbeiter, der in einem Gefängnis in der Zentralschweiz im Einsatz war, beendete seine Silvesterschicht kurz vor 8 Uhr morgens am Neujahrstag. Er hatte zuvor 14,5 Stunden ununterbrochen gearbeitet. Der Fall, den eine Recherche des Schweizer Fernsehens SRF unter dem Pseudonym Marvin Deck schildert, soll kein Einzelfall sein.

Gemäss internen Daten der Regionaldirektion Luzern von Securitas, die von SRF ausgewertet wurden, sollen zwischen 2023 und 2025 allein in der Zentralschweiz über 20'000 Verstösse gegen das Arbeitsgesetz registriert worden sein. Betroffen sollen mehr als 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewesen sein, die in Bewachungsdiensten bei Banken, Klöstern, Fussballstadien, Spitälern, Asylzentren und Gefängnissen im Einsatz waren.

Denis G. Humbert, Arbeitsrechtsexperte, bezeichnet den Fall als schwerwiegend und stellt fest, dass das Unternehmen das Arbeitsgesetz offenbar systematisch verletze. Kurt Pärli, Professor für Privates Sozialrecht an der Universität Basel, vermutet, dass das gesamte Betriebsmodell so angelegt sei, dass solche Verstösse zumindest in Kauf genommen würden.

Zu den festgestellten Problemen zählen Ruhezeiten, die auf wenige Stunden zwischen zwei Schichten verkürzt wurden. Auch Arbeitswochen und Nachtschichten sollen die gesetzlichen Grenzen häufig überschritten haben. Zwischen 2023 und 2025 seien die Grenzwerte für Nachtarbeit nur ein einziges Mal eingehalten worden, in der Strafanstalt Zug. Rund 300 Angestellte sollen die Vorgaben für solche Schichten überschritten haben.

Öffentliche Aufträge als Knackpunkt

Mehr als ein Drittel der Verstösse soll Aufträge für öffentliche Stellen betreffen. Im Bundesasylzentrum Glaubenberg im Kanton Obwalden sollen rund 80 Mitarbeitende mindestens 1'800 Stunden über den zulässigen Grenzen gearbeitet haben. Fast 100 Angestellte sollen nicht die vorgesehenen 4'800 Ruhestunden insgesamt erhalten haben. Für Pärli stehen die in Asylzentren untergebrachten Personen unter dem Schutz des Staates und haben ein Recht darauf, von Personal betreut zu werden, das unter angemessenen Bedingungen arbeitet.

Einige Angestellte sollen zudem nach sehr langen Schichten weiterhin Dienstfahrzeuge gelenkt haben. Die befragten Expertinnen und Experten weisen auf ein Risiko sowohl für die Arbeitnehmenden als auch für andere Verkehrsteilnehmende hin.

Auf Anfrage räumte Securitas Fehler und Praktiken ein, die nicht mit den Grundsätzen des Arbeitsrechts übereinstimmten. Das Unternehmen weist jedoch den Vorwurf einer umfassenden und systematischen Verletzung zurück und führt die Überschreitungen auf Ausnahmesituationen wie unvorhergesehene Abwesenheiten oder Sicherheitsvorfälle zurück. Zudem würden Überstunden erfasst und kompensiert, und interne Kontrollen hätten die Zahl der Verstösse bereits verringert, auch wenn die Ergebnisse noch nicht zufriedenstellend seien.

SRF hat die Ergebnisse der Recherche den kantonalen Arbeitsinspektoraten übermittelt, die angekündigt haben, die erhaltenen Informationen zu prüfen. Für Humbert und Pärli ist ein Eingreifen der Behörden inzwischen unumgänglich. Offen bleibt, wer für die Arbeitsbedingungen verantwortlich ist, wenn Sicherheitsdienste an private Unternehmen ausgelagert werden, und wie ein angemessener Schutz für jene gewährleistet werden kann, die in Asylzentren und Gefängnissen arbeiten.

Kommentare

Keine Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare. Deine Stimme kann die erste sein.

Kommentar schreiben