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Warum in der Schweiz weniger als jede zweite stimmberechtigte Person wählt

Bei den eidgenössischen Wahlen 2023 lag die Beteiligung bei 46,7 Prozent, eine der tiefsten in den OECD-Ländern. Hinter der Zahl stehen die Stabilität des Systems, selektives Stimmverhalten und der Ausschluss einzelner sozialer Gruppen.

von Brenno 4. August 2026 3 Min. Lesezeit

Bei den eidgenössischen Wahlen 2023 gingen 46,7 Prozent der Stimmberechtigten an die Urne. Der Wert ist keine Ausnahme. Seit 1983 bewegt sich die Wahlbeteiligung in einem engen Band, mit einem Tiefstwert von 42,2 Prozent im Jahr 1995 und einem Höchstwert von 48,9 Prozent im Jahr 1983.

Volksabstimmungen erreichen in der Regel eine höhere Beteiligung als Wahlen. Eine im Juni 2026 vorgelegte Initiative kam auf 58,9 Prozent.

Im internationalen Vergleich zählt die Schweiz zu den OECD-Ländern mit der tiefsten Beteiligung. In Australien wird zu rund 90 Prozent gewählt, in Uruguay zu über 89 Prozent, doch in beiden Fällen besteht Stimmpflicht. In der Schweiz gibt es rund 5,6 Millionen Stimmberechtigte.

Die Gründe aus der Forschung

Der Politikwissenschaftler Andreas Goldberg von der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie nennt mehrere Ursachen. Die erste betrifft die Stabilität des Systems. Wahlen bewirken nur geringe Verschiebungen zwischen den Parteien, und die Zusammensetzung des Bundesrates ändert sich nach dem Urnengang selten.

Die zweite betrifft das Verhalten der Stimmenden. Rund 80 Prozent der Stimmberechtigten stimmen selektiv ab und nehmen an einzelnen Terminen teil, an anderen nicht. Nur etwa 10 Prozent stimmen nie ab.

Goldberg beobachtet zudem, dass Schweizer Stimmende Parlamentswahlen weniger Gewicht beimessen und Volksabstimmungen mehr. Sind die Vorlagen komplex, sinkt die Beteiligung tendenziell.

Die Daten zeigen auch einen Unterschied zwischen den Generationen. Jüngere stimmen seltener ab, während die mittleren Jahrgänge den beständigsten Kern bilden.

Die Juristin Léonie C. Marti verschiebt die Frage auf eine andere Ebene. Aus ihrer Sicht geht es nicht nur um tiefe Werte, sondern um den strukturellen Ausschluss einzelner sozialer Gruppen.

Diese Lesart berührt das Grundversprechen der direkten Demokratie, wonach die Bürgerinnen und Bürger entscheiden. Konzentriert sich die Beteiligung auf einzelne Bevölkerungsgruppen, spiegeln die Entscheide deren Prioritäten stärker als jene der übrigen.

Die Frage betrifft auch die italienische Schweiz, wo sich das Verhältnis zwischen Wählerschaft und Institutionen an denselben eidgenössischen Terminen misst. Wie die Beteiligung erweitert werden kann, bleibt offen, denn die von der Forschung genannten Ursachen lassen sich nicht mit einer einzigen Massnahme beheben.

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