Kanton Veloverkehr
Lugano ist bei der Velofreundlichkeit Schweizer Schlusslicht
Eine Umfrage von Pro Velo stuft Lugano unter 56 Schweizer Städten bei Sicherheit und Komfort für Velofahrende an letzter Stelle ein. Verbände beklagen zwanzig Jahre nicht eingehaltener politischer Versprechen.
Lugano verfolgt seit dreissig Jahren Ziele für eine nachhaltige Mobilität, doch die Zahlen erzählen eine andere Geschichte. Die Stadt zählt 609 Autos pro 1000 Einwohner, die höchste Motorisierungsrate unter den Schweizer Städten, während der Anteil der Velofahrten unter 2 Prozent aller Wege bleibt.
In den letzten Jahren hat die Stadt das Bikesharing ausgebaut und den Velofahrenden die Busspuren geöffnet. Die Verbreitung des E-Bikes hat das Gewicht der Steigungen verringert, ein historisches Hindernis für alle, die in der Stadt Velo fahren. Doch laut Damiano Petralli, Berater für nachhaltige Stadtplanung, der seine Masterarbeit der Velomobilität in Lugano gewidmet hat, bleiben diese Massnahmen ohne dedizierte Infrastruktur ungenügend. Die Beschilderung verspricht oft Velowege, die dann unangekündigt abbrechen. «Bisogna essere motivati per pedalare a Lugano, bisogna avere il pallino del ciclista, per muoversi in città» («Man muss motiviert sein, um in Lugano Velo zu fahren, man braucht den Veloinstinkt, um sich in der Stadt zu bewegen»), sagt Petralli.
Der einzige vollständig vom Verkehr getrennte Veloweg liegt am Fluss Cassarate: 200 Meter, vor fünfzehn Jahren gebaut und seither nirgendwo sonst wiederholt. 2001 hatte der Verband Traffico e Ambiente (ATA) die Beschwerde gegen den Tunnel Vedeggio-Cassarate zurückgezogen, im Gegenzug für das Versprechen eines durchgehenden Velonetzes. Über zwanzig Jahre später existiert dieses Netz nicht. Eine aktuelle Umfrage von Pro Velo unter 56 Schweizer Städten, die Sicherheit und Komfort für Velofahrende bewertet, stuft Lugano an letzter Stelle ein. «Hanno fatto i cartelli e non hanno fatto le piste. Mi domando cosa sia costata al contribuente questa 'piantagione di cartelli'» («Sie haben Schilder aufgestellt, aber keine Velowege gebaut. Ich frage mich, was diese 'Schilderpflanzung' die Steuerzahlenden gekostet hat»), sagt Chiara Lepori von der ATA. Für den ehemaligen Profiradfahrer Marco Vitali ist der Vergleich mit anderen Tessiner Städten gnadenlos: «Bellinzona e Locarno stanno lavorando molto bene, c'è una volontà politica che va nella direzione auspicata. Mentre Lugano è la città più problematica, è l'ultima degli ultimi e con distacco!» («Bellinzona und Locarno arbeiten sehr gut, es gibt einen politischen Willen in die gewünschte Richtung. Lugano dagegen ist die problematischste Stadt, sie ist mit Abstand die Letzte der Letzten!»)
Der Knackpunkt öffentlicher Raum
Stadtrat Filippo Lombardi führt die Verzögerungen auf die Topografie zurück, geprägt von engen Strassen und starken Steigungen, sowie auf kulturellen Widerstand in der Bevölkerung. Vor einem Jahr lehnte eine Volksabstimmung mit fast 70 Prozent der Stimmen die Ausweitung von Tempo-30-Zonen in Wohnquartieren ab. Initiant Lukas Bernasconi von der Lega weist das Etikett «anti-Velo» zurück: Seiner Ansicht nach ging es bei der Abstimmung um ein generelles Tempolimit, nicht um den Langsamverkehr. Umweltverbände sehen im Abstimmungsergebnis dagegen ein Alibi, um die Umverteilung des öffentlichen Raums, der heute grösstenteils von Autos belegt wird, weiter aufzuschieben.
Von unten bewegt sich etwas. Das Projekt Mobalt, das Angestellte mit finanziellen Anreizen fürs Velofahren zur Arbeit belohnt, verzeichnet, dass 17 Prozent der Nutzenden für den Arbeitsweg auf Auto oder Motorrad verzichtet haben. In Breganzona bietet die Ciclofficina Miao Reparaturen, Recycling und einen Treffpunkt für alle, die gerne Velo fahren würden, aber den Verkehr fürchten. Die FDP-Gemeinderätin Céline Antonini, die aus Zeitgründen mit dem Velo unterwegs ist, sagt: «Bisogna rendere più attrattiva l'alternativa, altrimenti questo spostamento non avviene e ci troveremo sempre in un traffico insostenibile per tutti» («Man muss die Alternative attraktiver machen, sonst findet dieser Wechsel nicht statt, und wir stecken immer in einem für alle unhaltbaren Verkehr»).
Offen bleibt die Frage, wer die Rechnung für diesen Stillstand bezahlt: wer kein Auto hat, wer es sich nicht leisten kann, oder wer einfach nur sicher durch die Stadt fahren möchte, ohne sich, wie Petralli sagt, als Velofahrer aus Berufung fühlen zu müssen.
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