Kultur Locarno Film Festival
Tortorici im Wettbewerb von Locarno mit zwei Sechzehnjährigen im Palermo von 2012
«Ketticè» erzählt die Freundschaft zwischen Giulio und Ketty inmitten erdrückender familiärer und sozialer Verhältnisse. Der Regisseur bezeichnet die Kontrolle von Erwachsenen und Institutionen über Jugendliche als repressiv.
Der italienische Regisseur Giovanni Tortorici zeigt am Locarno Film Festival «Ketticè», im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden. Der Film folgt der Freundschaft zweier Sechzehnjähriger, Giulio und Ketty, inmitten familiärer und sozialer Verhältnisse, die sie von allen Seiten einengen.
Tortorici, Jahrgang 1996, griff auf eigene Jugenderinnerungen aus Palermo zurück, um die Geschichte von Giulio, gespielt von Salvatore Gallina, und Ketty, gespielt von Rachele Testagrossa, zu bauen. Die Handlung spielt 2012. Gegenüber dem Erstling «Diciannove» von 2024 ist die Erzählung weniger autobiografisch: Die sechzehn in der Stadt verbrachten Jahre und die Dynamiken unter Jugendlichen in Palermo blieben eine wichtige Grundlage, erklärt der Regisseur, doch über das reale Material habe sich die erzählerische Konstruktion gelegt.
Im Zentrum des Films steht das Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und Jugendlichen. Eltern und Lehrpersonen überwachen, erziehen und bestrafen, und Tortorici liest dieses Bündel von Gesten als zutiefst repressiv. Unter dem Deckmantel des Paternalismus, also des richtigen Anleitens der Jugend, verbergen sich für ihn viele unterdrückende und übergriffige Muster. Giulios Mutter, gespielt von Monica Bellucci, ist psychisch instabil und hat zu ihrem Sohn ein unangemessenes Verhältnis.
Auch die Beziehungen unter Gleichaltrigen sind von Gewalt geprägt und von sozialen Konventionen, welche die Unterdrückung der Erwachsenen wiederholen. Die Mädchen sind untereinander oft konkurrierend und aggressiv. Die Freundschaft zwischen Ketty und Giulio bietet einen Raum der Leichtigkeit und erlaubt es, sich diesem Druck für einen Moment zu entziehen. Zu den Mitteln, mit denen sich die beiden wehren, gehört auch ein leichter Drogenkonsum.
Zwei Schulen, zwei Sprachen
Die soziale Trennung verläuft über Schule und Sprache. Giulio stammt aus einer wohlhabenden Familie und besucht eine Privatschule. Ketty gehört einer unteren Schicht an und geht in eine öffentliche Schule mit schlechtem Ruf. Tortorici hat die Sprechweise des Palermo von 2012 rekonstruiert, im Wechsel zwischen regionalem Italienisch und Dialekt, und diesen Wechsel zum Zeichen der Distanz zwischen den beiden Welten gemacht.
Produziert wurde der Film von Luca Guadagnino. Er beginnt und endet mit einem Lied in arabischer Sprache, ein Verweis auf die kulturellen Schichten Siziliens und auf den arabischen Einfluss, der in Sprache und Kultur der Insel weiterlebt. Zur Kontrolle über Jugendliche bleibt jene Frage offen, die der Film stellt, ohne sie zu beantworten: wo der Schutz endet und wo die Bevormundung beginnt.
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