Welt Herz-Kreislauf-Vorsorge
Jede fünfte Person trägt ein Blutfett, das niemand misst
Die Auswertung von zwanzigtausend Patientinnen und Patienten aus drei US-Studien, präsentiert an einem Kardiologiekongress in Montreal, zeigt: Erhöhtes Lipoprotein (a) steigert das Schlaganfallrisiko um 64 Prozent, auch bei bereits Behandelten. Der Test kostet wenig und gehört nicht zur Routine.
Es heisst Lipoprotein (a) und ähnelt dem LDL-Cholesterin, das gemeinhin als schlecht bezeichnet wird, ergänzt um ein Protein, das sein Verhalten in den Arterien verändert. Rund jede fünfte Person hat erhöhte Werte, fast immer ohne es zu wissen, weil es keine Beschwerden verursacht und weil die Bestimmung nicht zu den routinemässig verordneten Blutwerten gehört.
Eine Auswertung, vorgestellt an den wissenschaftlichen Sitzungen der Society for Cardiovascular Angiography and Interventions und am Gipfel der kanadischen Gesellschaft für interventionelle Kardiologie in Montreal, hat die Daten von 20'070 Teilnehmenden über vierzig Jahren aus drei von den US-Gesundheitsinstituten finanzierten klinischen Studien neu betrachtet: Accord, Peace und Sprint. Diese Studien wurden für andere Zwecke angelegt, was bedeutet, dass die Teilnehmenden bereits betreut, bereits behandelt und bereits regelmässig kontrolliert waren.
Bei Patientinnen und Patienten mit sehr hohem Lipoprotein (a), gleich oder über 175 Nanomol pro Liter, lag das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse um 31 Prozent höher, jenes für den Tod durch Herz-Kreislauf-Ursachen um 49 Prozent und jenes für einen Schlaganfall um 64 Prozent. Entscheidend ist, dass sich diese Erhöhungen bei Menschen zeigen, die bereits die üblichen Therapien erhielten: Das mit Lipoprotein (a) verbundene Risiko verschwindet nicht durch die Behandlung von LDL-Cholesterin und Blutdruck.
Warum danach nicht gesucht wird
Der Grund ist zum Teil historisch. Der Wert des Lipoproteins (a) wird fast vollständig genetisch bestimmt, bleibt lebenslang stabil und verändert sich weder durch Ernährung noch durch Bewegung oder Statine. Jahrzehntelang war er deshalb ein Befund, mit dem sich die Therapie nicht ändern liess, und die Präventivmedizin sucht selten nach dem, wogegen sie nichts unternehmen kann. Inzwischen haben sich jedoch zwei Dinge geändert: die Verfügbarkeit experimenteller Medikamente gegen Lipoprotein (a), heute in fortgeschrittener Erprobung, und die Erkenntnis, dass die Kenntnis des Werts immerhin erlaubt, bei allen übrigen Risikofaktoren entschiedener vorzugehen.
In diese Richtung geht die Empfehlung von Subhash Banerjee vom Baylor Scott and White in Dallas, einem der Autoren der Auswertung: das Lipoprotein (a) messen lassen und, bei hohem Wert, gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt das LDL-Cholesterin senken und die übrigen Faktoren strenger als üblich kontrollieren. Da sich der Wert nicht verändert, würde eine einzige Messung im Leben genügen. Der Test kostet wenig; das Hindernis ist, dass ihn kaum jemand verordnet.
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