Kultur Psychotherapie
In der Therapie: Wenn Heilung auch andere braucht
Eltern, Partner oder Geschwister, die zu einer Sitzung eingeladen werden, sind keine Eindringlinge: Die Familientherapie zeigt, wie sich persönliche Probleme mit den engsten Beziehungen verflechten.
Wer eine Psychotherapie beginnt, geht meist davon aus, allein mit der Therapeutin oder dem Therapeuten zu sprechen. Manchmal bittet die Fachperson jedoch darum, ein Elternteil, den Partner oder eine Schwester oder einen Bruder einzubeziehen. Diese Bitte kann überraschen oder unangenehm sein, beruht aber auf einem klaren Grundsatz der Familientherapie: Persönliche Probleme entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern innerhalb von Beziehungen.
Wir leben in einer Kultur, die dazu neigt, seelisches Leiden als Privatsache zu betrachten, die man allein bewältigen muss. Diese Überzeugung führt dazu, dass auch die Heilung in Einsamkeit erfolgen sollte. Die Familientherapie schlägt eine andere Sichtweise vor: Nahestehende Personen einzubeziehen, kann helfen, die eigenen Schwierigkeiten besser zu verstehen, weil sich Gefühle und Symptome mit der Familiengeschichte und dem Umfeld verflechten.
Oft ähneln sich die Leiden zweier Geschwister, die mit denselben Eltern aufgewachsen sind, auch wenn sie sich völlig unterschiedlich äussern. In anderen Fällen wurzelt das Unbehagen einer Person in Ereignissen aus dem Leben der Eltern, die noch vor ihrer eigenen Geburt liegen. Das zu erkennen, fällt nicht immer leicht, besonders wenn man sich in einem Elternteil wiedererkennt und Eigenschaften sieht, die man selbst nicht haben möchte.
Kein Gericht
Die häufigste Angst ist, dass die Sitzung sich in einen Prozess verwandelt, in dem die Schwächen der einzelnen Personen als Waffen gegeneinander eingesetzt werden. Deshalb sollte der Einbezug von Familienangehörigen anders verstanden werden: nicht als Schuldsuche, sondern als Mittel zum gegenseitigen Verständnis.
Das italienische Wort «intruso» (Eindringling) stammt vom Verb intrudere, sich mit Gewalt hineindrängen. Doch die einbezogene Person hört auf, ein Eindringling zu sein, sobald sie aufgenommen und nicht abgewiesen wird. Oft trägt sie ein Leid in sich, das dem eigenen ähnelt und in derselben Familiengeschichte wurzelt.
Sich einer Therapeutin oder einem Therapeuten anzuvertrauen, die oder der ausschliesslich mit einer einzelnen Patientin oder einem einzelnen Patienten arbeitet, gleicht in dieser Sichtweise einem Chirurgen, der ein Organ operiert, ohne zu berücksichtigen, wie es mit dem übrigen Körper zusammenwirkt: Das Risiko besteht darin, ein isoliertes Symptom zu behandeln, ohne dessen Ursache zu verstehen. Ein Elternteil, den Partner oder eine Schwester beziehungsweise einen Bruder in die Therapie einzubeziehen, bedeutet nicht, sich nicht mehr um das eigene Leiden zu kümmern, sondern der Therapeutin oder dem Therapeuten ein vollständigeres Bild der Situation zu geben.
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