Schweiz Cybersicherheit
Schweizer Photovoltaik: Sicherheitsalarm wegen chinesischer Wechselrichter
Eine Studie des Nationalen Testinstituts für Cybersicherheit warnt vor Risiken bei Photovoltaik-Wechselrichtern, die grossmehrheitlich aus China stammen und dauerhaft mit dem Internet verbunden sind. Die Fachleute befürchten, dass ein feindlicher Akteur sie aus der Ferne abschalten und so das Stromnetz destabilisieren könnte.

In der Schweiz sind derzeit rund 338'000 Photovoltaikanlagen in Betrieb, das Ergebnis jahrelangen, stetigen Wachstums im Zuge der Energiewende. Eine neue, noch unveröffentlichte Studie des Nationalen Testinstituts für Cybersicherheit (NTC), die der SRF vorliegt, weist jedoch auf eine bisher wenig beachtete Schwachstelle hin: die Wechselrichter, jene Geräte, die den von den Solarmodulen erzeugten Strom in eine für das Netz nutzbare Form umwandeln.
Fast alle Wechselrichter sind dauerhaft über ein integriertes Kommunikationsmodul mit dem Internet und mit den Servern der Hersteller verbunden, erklärt Andreas Leisibach, Cybersicherheitsexperte des NTC. Diese Verbindung ermöglicht eine Fernsteuerung, die für Wartungszwecke nützlich ist, aber auch missbräuchlich genutzt werden kann, etwa um ein Gerät abzuschalten oder zu manipulieren.
Die Konzentration des Marktes
Das Hauptproblem, das die Studie aufzeigt, ist die Konzentration des Marktes. Laut einer Schätzung des Bundesamts für Energie sind rund 100'000 Photovoltaikanlagen in der Schweiz mit Wechselrichtern aus China ausgestattet, wobei die beiden Hersteller Huawei und Sungrow mittlerweile einen Marktanteil von über 60 Prozent erreichen. Für Raphael Reischuk, Gründer des NTC, stellt diese Konzentration ein erhebliches Risiko dar: Wer die Wechselrichter kontrolliert, kontrolliert letztlich die gesamte Anlage und damit auch das Stromnetz.
Würden sämtliche Wechselrichter eines Herstellers gleichzeitig abgeschaltet, während sie unter Volllast laufen, könnte dies schwere Störungen im Schweizer Stromnetz verursachen. Reischuk betont, dass ein Hersteller kein wirtschaftliches Interesse an einem solchen Schritt hätte, dazu aber von einem staatlichen Akteur oder von Cyberkriminellen gezwungen werden könnte. Dies ist kein rein theoretisches Szenario: In der Vergangenheit hat ein chinesischer Hersteller im Rahmen eines Handelsstreits zahlreiche Wechselrichter in den USA und anderen Ländern aus der Ferne deaktiviert. Auf den blockierten Geräten erschien die Meldung «Not allowed to use» («Nutzung nicht zulässig»).
Die am weitesten verbreitete Technologie stammt von Huawei und kommt auch in öffentlichen Gebäuden zum Einsatz, etwa bei einer neuen Anlage auf dem Dach einer kantonalen Berufsschule in Bern. Der Geschäftsführer der mit den Arbeiten beauftragten Firma räumt ein, dass die chinesischen Produkte wegen ihrer Qualität und ihres wettbewerbsfähigen Preises geschätzt werden, gibt aber zu, dass sich das systemische Risiko, das aus ihrer weiten Verbreitung entsteht, weder von einzelnen Betreibern noch von der Branche allein lösen lasse. Auf Anfrage der SRF äusserte sich Sungrow nicht, während Huawei ein Interview ablehnte, aber schriftlich erklärte, Cybersicherheit habe für das Unternehmen oberste Priorität, und die eigenen Systeme könnten auch offline betrieben werden – eine Option, die laut den befragten Fachleuten in der Praxis jedoch kaum umsetzbar sei.
Die USA und die Europäische Union ergreifen bereits Massnahmen, um den Einsatz von Wechselrichtern aus sanktionierten Ländern einzuschränken. Auch der Nachrichtendienst des Bundes hat auf das Risiko hingewiesen und befürchtet, die Schweiz könnte zu einem leichteren Ziel werden, sollte der Schutz kritischer Infrastrukturen weniger streng ausfallen als in der EU. Der Branchenverband Swissolar fordert unterdessen verbindliche Cybersicherheitsstandards sowie ein zentrales Register, um festzustellen, welcher Anteil der Stromproduktion tatsächlich aus der Ferne kontrolliert werden könnte.
Kommentare
Es gibt noch keine Kommentare. Deine Stimme kann die erste sein.