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Ein Jahrhundert Versuche gegen den Hagel, ohne Wirkungsnachweis

Von den Kanonen in Collina d'Oro im Jahr 1900 bis zu den 2023 eingestellten Flügen der Baloise hat die Schweiz einige der strengsten Experimente weltweit durchgeführt. Die Ergebnisse haben die Wirksamkeit nie bestätigt.

von Redazione 11. August 2026 3 Min. Lesezeit Luganese

Im Herbst 1900 wurden in Collina d'Oro rund ein Dutzend Kanonen in Form grosser Metallkegel gegen die heranziehenden Gewitter gerichtet. Sie erzeugten Druckwellen in Richtung der Wolken, in der Hoffnung, diese daran zu hindern, grosse Hagelkörner über dem Dorf abzuladen. Es war kein Einzelfall: Ende des 19. Jahrhunderts waren Systeme zur Hagelabwehr in weiten Teilen der Schweiz verbreitet, und allein im Sommer 1901 feuerten diese Kanonen rund sechstausend Mal.

Marco Gaia von MeteoSchweiz erinnert daran, dass das zerstörerische Potenzial des Hagels seit jeher bekannt ist. Noch heute verursacht er im Sommer regelmässig Schäden in Millionenhöhe.

Im 20. Jahrhundert änderte sich die Technik, das Ziel nicht. Die Wolkenimpfung, das Cloud Seeding, besteht darin, mit vom Boden abgeschossenen Raketen oder aus Flugzeugen Partikel in die Wolken einzubringen. Verwendet wird meist Silberjodid, das die Bildung vieler kleiner statt weniger grosser Körner begünstigen soll, die am Boden weniger Schaden anrichten.

Vier Experimente, keine Bestätigung

Die Schweiz hat auf diesem Feld vier grossangelegte Versuche durchgeführt, die sogenannten Grossversuche, organisiert von einer Bundeskommission, die von der Abteilung Landwirtschaft des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements eingesetzt worden war. Der erste prüfte zwischen 1948 und 1952 die Wirksamkeit der damals gebräuchlichen Raketen. Der zweite begann 1953, der dritte lief von 1957 bis 1963: Beide untersuchten die Ausbringung von Silberjodid über ein Netz von Bodengeneratoren, mit dreiundzwanzig Standorten im Tessin und in der benachbarten Lombardei. Der vierte deckte zwischen 1977 und 1982 1'300 Quadratkilometer im Mittelland ab, unter Beteiligung italienischer und französischer Gruppen; die ETH Zürich testete dabei ein in der Sowjetunion entwickeltes System, dessen Verantwortliche Schadensminderungen von 70 bis 90 Prozent gemeldet hatten. Diese Zahlen, bemerkt Gaia, hatten keine wissenschaftliche Grundlage.

Die Schlussfolgerungen waren eindeutig: Cloud Seeding beeinflusst die Grösse der Hagelkörner nicht wesentlich. Es ergaben sich im Gegenteil Hinweise, dass die eingesetzten Methoden deren Bildung eher fördern als begrenzen könnten. «Die Experimente haben die Wirksamkeit der verschiedenen getesteten Methoden nie schlüssig nachweisen können», fasst Gaia zusammen.

Der Schweizer Beitrag liegt anderswo, erklärt Ulrike Lohmann, Professorin für Atmosphärenphysik an der ETH Zürich: in der Methode. Jene Studien sahen Kontrollgruppen vor, wie in klinischen Studien, und verglichen behandelte mit unbehandelten Wolken. «Aus meiner Sicht ist dieser Ansatz ein Vorbild», sagt die Forscherin, und er gilt als Lehre für andere Länder, die zur Wolkenimpfung greifen.

Auch das jüngste Experiment endete gleich. Zwischen 2018 und 2023 liess die Baloise gemeinsam mit der ETH Zürich ein entsprechend ausgerüstetes Flugzeug in Birrfeld starten, um Silberjodid auszubringen, mit dreissig bis vierzig Flügen pro Saison, mit dem Ziel, Hagelschäden an Autos zu verringern. Im Oktober 2024 kündigte Thomas Schöb, Leiter Kundendienst der Baloise, gegenüber SRF das Ende der Tests an: Die Wirkung der Flüge sei «nicht messbar nachgewiesen» worden.

Das Problem wächst derweil. Wärmere Luft enthält mehr Feuchtigkeit und nährt stärkere Aufwinde, die laut neueren Studien in der Schweiz und in anderen gemässigten Zonen zu grösseren Körnern führen werden. 2021 erhielt die Schweizerische Hagel-Versicherungs-Gesellschaft über 14'000 Meldungen über Schäden an Kulturen, mit Entschädigungsforderungen von 115 Millionen Franken.

Viele Länder impfen die Wolken dennoch weiter, von den Vereinigten Staaten über China und Russland bis nach Deutschland und Frankreich. Einen wissenschaftlichen Konsens gibt es indes nicht. Wie Marine de Guglielmo Weber, Forscherin am Institut für strategische Forschung der Militärschule in Frankreich, festhält: «Hagel und Regen sind Naturphänomene mit hoher Variabilität. Es ist sehr schwierig, sie mit menschlicher Tätigkeit in Verbindung zu bringen.» Auch die Umweltwirkungen von Silberjodid, ergänzt sie, bleiben schlecht dokumentiert.

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