Welt Lebensmittelsicherheit
Hackerangriffe auf Supermärkte in Europa, EU: Nahrungsmittel im Visier
Ein Cyberangriff liess die Temperatur in Kühlanlagen von Hunderten französischer Supermärkte auf bis zu 50 Grad steigen, mit Schäden in Millionenhöhe. Der zuständige EU-Kommissar spricht von einem Versuch, die Nahrungsmittelversorgung zu treffen, und ein Experte warnt, dass auch die Schweiz betroffen sein könnte.
In der Nacht von Sonntag, 11. Oktober, auf Montag, 12. Oktober, legte ein Cyberangriff die Kühlanlagen von Hunderten Supermärkten in Frankreich lahm. Die Angreifer übernahmen die Systeme, die Kühlschränke und Tiefkühltruhen steuern, aus der Ferne und lösten erzwungene Abtauzyklen aus, wodurch die Innentemperatur auf bis zu 50 Grad stieg. Die Folge war, dass grosse Mengen frischer und tiefgekühlter Produkte verdarben und in den betroffenen Filialen entsorgt werden mussten.
Zu den betroffenen Ketten gehören Intermarché und Netto der Gruppe Les Mousquetaires, Carrefour, Monoprix, Coopérative U und E.Leclerc. Die Schätzungen zur Zahl der betroffenen Filialen gehen je nach Kette auseinander: Les Mousquetaires sprach von rund 150 bis 180 Filialen, Carrefour von 80, Monoprix von rund 5 Prozent seiner französischen Filialen. Die noch vorläufigen Verluste werden auf mehrere Millionen Euro geschätzt.
Nach ersten Hinweisen nutzten die Hacker eine Schwachstelle in der Software des dänischen Unternehmens Danfoss aus, die einen Grossteil der Kühlanlagen europäischer Supermärkte steuert. Viele der betroffenen Geräte sollen ältere Modelle sein, die keine Sicherheitsupdates mehr erhalten. Die Pariser Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eingeleitet, die auch der französischen Cybersicherheitsbehörde Anssi übertragen wurde, um die Urheber des Angriffs zu ermitteln und Hinweise auf Brände in einigen Filialen zu prüfen. Bislang hat sich keine Gruppe zu dem Angriff bekannt.
Der EU-Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung, Christophe Hansen, kommentierte den Vorfall auf X mit den Worten "The weaponization of food has become a reality" (etwa: "Die Instrumentalisierung von Nahrungsmitteln ist Realität geworden") und forderte mehr Aufmerksamkeit für die Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung auf allen Ebenen. Laut einem Forscher des Cybersicherheitsunternehmens Sekoia seien ähnliche Schwachstellen auch in Filialen in Spanien, Portugal, Polen, Deutschland und Belgien aufgetaucht.
Das Risiko für die Schweiz
Sebastian Obermeier, Cybersicherheitsexperte an der Hochschule Luzern, geht davon aus, dass ein ähnliches Risiko auch in der Schweiz besteht, da Danfoss-Systeme in ganz Europa verbreitet sind. Viele Kühlanlagen bleiben für die Fernwartung mit dem Netz verbunden, was zu einem Einstiegspunkt für Angreifer werden kann. Laut Obermeier muss zwischen dem gelegentlichen Verlust frischer Produkte, der noch keine Versorgungskrise darstellt, und koordinierten Angriffen auf zentrale Kühllager und Logistikplattformen unterschieden werden, die deutlich besorgniserregender wären.
Die wichtigsten in der Schweiz tätigen Detailhändler, die zu dem Fall befragt wurden, melden keine Probleme: Migros hat keine Hinweise auf Angriffe auf die eigenen Anlagen, Lidl Schweiz erklärt, nicht vom französischen Vorfall betroffen zu sein, Coop gibt an, über regelmässig aktualisierte Sicherheitsmassnahmen zu verfügen, und Aldi erklärt, die technische Ausstattung der Filialen periodisch zu kontrollieren.
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